Wednesday, 09. January 2008 21:14
Nach dem großen Lichterketten- und Weihnachtsbaumkugelwettrüsten im Advent wird es hier kurz vor Heiligabend merkwürdig still. Der Compound wirkt wie ausgestorben, die Hunde werden statt von Frauchen von der Ayi ausgeführt, die Supermärkte bieten zwei Töpfe Quark zum Preis von einem an und die Verkäuferinnen auf dem Blumenmarkt langweilen sich. Was ist geschehen? Die Expatcommunity hat nahezu geschlossen das Land verlassen, entweder in die Heimat oder in die Sonne.
Wir, so individuell wir uns auch gerne dünken, haben uns in diesem Jahr wieder der Sonnenkarawane angeschlossen. Also flugs Badeanzug und Schnorchel eingepackt und mit leichtem Gepäck zum Flughafen gefahren. Auf zu den Philippinen, wo wir uns mit Dagmar, Sascha und ihren Töchtern Jil (12) und Lynn (8) auf einer klitzekleinen Insel zum Weihnachten feiern verabredet hatten!!!
Schon bei unseren Reisevorbereitungen schwante uns, dass die von uns erwählte Insel Pandan gleich neben der südlich von Luzon gelegenen Insel Mindoro zwar touristisch gesehen recht jungfräulich ist, das aber auch gute Gründe hat. Es ist nämlich verflixt schwierig, dorthin zu kommen.
Ich fasse mich kurz: Abfahrt zum Flughafen um 22 Uhr abends, Flugzeug nach Manila um 1 Uhr nachts, Ankunft in Manila 4.30 Uhr morgens, Abholung durch unsere Inselgastgeber, Beladen eines Kleinstbusses auf maximales Fassungsvermögen (3 Fahrer, 9 Passagiere, 12 Rucksäcke, sechs Truthähne, Wein, Spirituosen und der Lebensmitteleinkauf für 50 Inselbesucher mit großem Appetit auf üppige Weihnachts- und Sylvesterbuffets nebst gelegentlicher Zwischenmahlzeiten, also morgens, mittags und abends). Start in Richtung Insel mit diversen Zwischenstops zum Nachfüllen von Bremsflüssigkeit, diversen Zwischenstops zum Reparieren der Bremse hinten links und diversen Zwischenstops zum Reparieren der Bremse hinten rechts. Derweil fahren die 9 Uhr und die 12 Uhr Fähre ohne uns. Auf der 14 Uhr Fähre kleine Reparatur der Bremsen hinten links und hinten rechts. Nach 2 1/2 Stunden Ankunft im Hafen von Abra de Ilog und zwischen den Zwischenstops zur Bremsenpflege kleinere Etappen in Richtung Süden. Kinder müde und hungrig, Jens platzsparend gefaltet und Muttern Migräne. Evakuierung des Fahrzeugwracks und Beladen eines neuen Kleinstbusses. Weiterfahrt auf Schotterpisten, Fluchtversuch einiger Truthähne und Weinflaschen durch einen gewagten Sprung vom Dach, Einsammeln der Ausreißer, erneutes Beladen. Ankunft in Sablayan um Mitternacht. Umladen von Passagieren und Gepäck in eine Nussschale, nächtliches Umschiffen diverser Sandbänke, Ankunft nach 27 Stunden Reisezeit auf Pandan. Noch Fragen?
Ein Blick auf die Insel am nächsten Morgen reichte, um uns die vorangegangenen Wahnsinn vergessen zu lassen. Ich spare mir schwelgerische Beschreibungen von Wasser, Sand und Palmen. Wer es genauer wissen möchte kann sich auf der Internetseite oder in unserem Photoalbum (rechts in der Leiste) informieren. Schön, oder?
Und die Welten, wo waren die?
Na, zum Beispiel unter Wasser. Was von oben wie eine große blaugraugrün schwappende Masse aussieht ist unter der Oberfläche unglaublich bunt und lebendig. Mit Schorchel, Brille und Flossen konnten wir direkt vom Strand aus ins Wasser gehen und die großen Meeresschildkröten besuchen, die in Schwimmnähe auf dem Meeresboden saßen und Seegras grasten. Ungefähr acht Stück von ihnen leben um Pandan herum und ertragen staunende Besucher mit großer Langmut. Etwas weiter um die Insel herum beginnen dann die Korallenriffe, flach genug, um von der Wasseroberfläche aus betrachtet zu werden. Ich bin beim Tauchen eher ein Hasenherz und muss mich manchmal etwas aufraffen, mich in diese fremde Welt zu trauen. Weiß ich, ob der hübsche blaue vor mir nicht ein Keulfisch ist, der mir mit einem Schnellangriff seine Nase in den Arm rammt, um ihn zu brechen? Und die schwarz gelb geringelten Seeschlangen da unten, die sehen schön aber doch irgendwie giftig aus (sind sie auch). Das grüne Batt da vorne könnte auch ein Scorpion Leaf Fish sein, schnell weg hier, und der Lionfisch wird auch nicht gerne gestreichelt sondern jagt einem ein paar saumäßig giftige Stacheln ins Fleisch, wenn man ihm zu nahe kommt. Aber dann sind da noch die unzähligen in allen Farben schimmernden großen, kleinen, langen, kurzen, dicken, gestreiften, gesprenkelten, karrierten Fische, Seesterne, Igel, Muscheln und Schnecken die so gutmütig mit mir ihr Wasser teilen und sich ganz ohne Arg bewundern lassen. Und so schwanke ich zwischen Skepsis und Faszination.
Ganz anders Jens und die Kinder. Sie sind einfach nur glücklich und neugierig im Wasser, mutig und offen. Sie schwimmen zu zweit oder dritt hinaus, bleiben lange weg und sprudeln beim Wiederkommen noch mit Brille auf der Nase ihre Entdeckungen heraus.

Alle außer mir und Johanna haben alle einen Schnuppertauchgang gemacht (ich nix Druckausgleich, Johanna nix alt genug). Der war anscheinend toll, denn Ben, Jil und Sascha haben sich gleich darauf zum Tauchkurs angemeldet und mit der ersten Theorieeinheit begonnen. Die anderen Kinder standen ein bisschen traurig daneben, aber sie sind halt noch zu jung. So war unsere Gruppe für vier Tage zweigeteilt, in die Tauchbüffler nebst Jens als Coach und die Sandbuddler. Abends im Holzhaus wurde die Theorie wiederholt und wir wissen jetzt alle, wie die Handzeichen für “ich habe nur noch wenig Luft” und “ich krepiere” gehen. Nachdem am vierten Abend alle drei Tauchschüler die Theorieprüfung geschafft hatten ging es am nächsten Tag zum Tauchen und Schnorcheln ans Apo Reef, einer 25 km langen Korallenwand mit allem, was gerne darin kreucht und fleucht. Die Taucher haben zwei Tauchgänge gemacht und danach begeistert erzählt, dass Ben fast mit einem Hai kollidierte und wie süß die Meeresschnecken seien. Ein Grund mehr für Anton und Johanna, sich auf ihren 12. Geburtstag zu freuen.

Dagmar und ich haben an einem der Büffelnachmittage Sablayan besucht, das Fischerdorf und Handelszentrum von Mindoro Occidental. Direkt am Meer auf einer Sandbank wohnen die ärmsten Familien in einfachen Pfahlhütten aus Holz, Treibgut und Müll. Untendrunter schläft das Schwein, innendrin wohnen die Menschen. Reichtum bedeutet hier ein Boot, viele Kinder und ein Kühlschrank auf Pump. Von der Sandbank führt eine Hängebrücke hinüber zum Markt, einer Betonhalle vollgestopft mit Fischen, Gemüse, Haushaltswaren und Plastiksandalen. Hierhin kommen die Fischer und Bäuerlein aus der Umgebung um ihre Erträge gegen ein paar knittrige Geldscheine zu tauschen. Rund um die Markthalle breitet sich das Städchen aus, kleine flache Gebäude mit Fliegenvorhängen vor den Türen und einem Streifchen Garten drumherum. Im einen wird Holzkohle gemacht, im nächsten ein Kind gestillt, dort steht ein großer Wog auf dem Feuer und etwas weiter hauen die Männer Holz für ein Boot zurecht. Es herrschen bescheidenste Lebensverhältnisse, dennoch zeugen Blumen in Blechdosen und Orchideen in Kokosnussampeln von dem Bedürfnis, sich mit Schönheit zu umgeben.
Die wenigen großen Gebäude sind für die bestimmt, die es in großer Zahl gibt. Vier Schulen nehmen den Kindersegen auf, mehrere große Kirchen die Gläubigen. Zur Weihnachtsmesse um 8 Uhr morgens war die katholische Kirche des Ortes randvoll mit Menschen in frisch gewaschenen Kleidern und Süßigkeiten schleckenden Kindern gefüllt.
Autos sind auf den staubigen Straßen eher selten, dafür gibt es Tausende von aufgemotzten Motorrädern mit Seitenwagen, das Transportmittel schlechthin. Darauf passen wahlweise drei Schweine und acht Personen oder zehn Personen, 6 Hühner und zwei Matrazen, oder aber auch acht Kinder und…………………………………
Beim Gang durch die Stadt, leider wieder ohne Tarnkappe, werden wir freundlich gegrüßt und angelächelt. Die mutigsten der vielen barfüßigen Kinder halten uns ihre Hand entgegen und fragen mit lachenden Augen nach “money money”. Die mutigsten der Erwachsenen wünschen “Merry Christmas” und schütteln uns die Hand.